Am Ende des Tunnels ist immer noch nicht Schluss

Ich sitze im Bett und ringe um Luft. Meine Nase ist zu, da kommt nix mehr durch. Auf meinem Schoß liegt ein dickes Kopfkissen, das ich wie besessen knete. Meine Augen sind völlig verquollen nach nur fünf Minuten heulen. Die Krankenschwester steckt mir ein Fieberthermometer ins Ohr. Es piepst. Vorsichtshalber steckt sie es auch nochmal ins andere Ohr. Zufrieden schaut sie auf die Anzeige. Jetzt telefoniert sie sogar mit dem Thermometer, toll, was die Technik alles kann!Der Doktor … ist es überhaupt einer? Dank Entfernung meiner Sehhilfe und der noch tränenfeuchten Augen nehme ich nur einen grünlichen, sich bewegenden Fleck am Fußende wahr. Ich höre mehrfach dumpfe Schläge und ein Schnaufen. Neben mir führt die Krankenschwester Selbstgespräche – mit mir redet keiner. Das finde ich ausgesprochen angenehm.
Der vermeintliche Doktor rollt auf dem Bett neben mir die bunte Decke zusammen, legt sie sich über die Schulter und verschwindet außerhalb meines ohnehin schon eingeschränkten Sichtfeldes. Bei der Krankenschwester piept es ununterbrochen.

Die Tränen trocken langsam, es kommt wieder ein bisschen Luft durch die Nase und dieser dicke schwarze Wutklumpen, der vorhin tonnenschwer auf meiner Brust klebte, weicht der angenehmen und schläfrigen Schwere, die unkontrolliertes Heulen so mit sich bringt. Irgendwie ganz nett. Neben mir spielt die Krankenschwester (trägt sie etwa ein geblümtes Nachthemd???) Mundharmonika. Wusste gar nicht, dass meine Krankenkasse derartige Zusatzleistungen anbietet … den Doktor nehme ich nur akustisch wahr – er schnalzt mit der Zunge, schnauft und raschelt am Boden herum und mir kommt dieses Krankenhaus reichlich komisch vor … 

Auf einmal kommt Leben ins Zimmer: da entbrennt ein Streit um ein Kissen, zum Glück verzichtet man auf rohe Gewalt! Und irgendwie kriege ich das alles nur so am Rande mit. Mein gedämpfter Zustand gefällt mir eigentlich ganz gut. 

Doch wie bin ich eigentlich hierher gekommen? (Die Krankenschwester reißt mir das Kopfkissen weg und verschwindet in Richtung des Arztes) Ich versuche mich zu erinnern, was wohl passiert ist, bevor ich hier im Bett zu mir kam. Ach ja … da waren die Kinder und ich – wo sind die eigentlich? Die Stimmung war aufgeladen, jeder gegen jeden, es wollte kein rechter Frieden aufkommen, ich war äußerst gereizt … (Am Fußende wird es lauter, ein Scheppern lässt vermuten, dass gerade jemand mit dem Kopf gegen einen Spiegel gedonnert ist …) ich war sogar so gereizt, dass ich die Beherrschung verlor und sehr sehr laut wurde. Und ich erinnere mich daran, dass es überhaupt nichts brachte. Und das machte mich noch wütender! (Die Krankenschwester klettert laut „Auiiuiui“ schreiend und heulend auf mein Bett. Neben mir lässt sie sich fallen und drückt mir ihre Mundharmonika in den Bauch. Sie brüllt „mitgommähähääään!“) das gegenwärtige Geschehen vermischt sich mit meinen Erinnerungsfetzen. Es eskalierte. Ich schrie und später heulte ich. Sehr sehr sehr doll. Und um mich herum zwei ziemlich erstaunte Gesichter. Irgendwann muss ich wohl ins Schlafzimmer geflohen sein. Wenn ich mich genauer umsehe, sehen die unscharfen Umrisse auch verdammt nach meinem Schlafzimmer aus. Schade eigentlich! Im Krankenhaus wäre ich sicher gewesen. 

Um mich her entbrennt der nächste Streit. So richtig kann ich ihn gar nicht deuten, ich höre nur Geschrei und Geheul. Irgendjemand ruft ständig „Mama!“. Ich sehne mich nach diesem leicht dösigen Zustand zurück, da war mir alles egal. Ich beginne mich wegzuträumen: der Mann kommt zur Tür rein, strahlt, die Kinder rufen begeistert nach ihm. Ich hingegen stürme theatralisch auf ihn zu, nehme ihm grimmig den Autoschlüssel ab, zische ein wütendes „bis später“ und lasse die Tür hinter mir zufallen. Ich setze mich ins Auto und fahre los. Scheißegal, wohin, Hauptsache weg! 

An dieser Stelle endet mein Traum. Mit der Frage „Bist du bekloppt?! Du kannst ja wohl nicht einfach abhauen und ins Blaue fahren! Das ist aber albern! Du bist schließlich erwachsen!“ 

Manchmal ist mir aber verdammt nochmal nach abhauen zumute … 

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Ode an die Bettwanzen 

Ach, was muss man oft von bösen Kindern hören oder lesen, wie zum Beispiel hier von diesen, die uns nachts nicht schlafen ließen …

Selten kamen sie zur Ruh, kaum waren die Augen zu, klappten sie auch wieder auf, kletterten zum Bett heraus.
Lagen längs und lagen quer, das Liegen fällt den Eltern schwer; so kauern sie sich dann und wann am Fuß des Bettes klein zusamm.

Doch ihr Hoffen, dass die Brut nun auch anständig ruhen tut, wird vereitelt, denn man schreit und heult und seufzt und überhaupt – Elternschlaf ist nicht erlaubt!
Stattdessen wird im Schlaf gesprochen, gelacht, geknurrt, durchs Bett gekrochen. Gekämpft mit Faust und Ellenbogen, mit Fingernägeln über Haut gezogen … Autsch!

Und des nachts wird randaliert, herumgewälzt und massakriert … am Morgen dann die Eltern schleichen, tief gebeugt und blass wie Leichen – leis aus dem Bette und man hofft: auf Morgenfrieden mit Kaffee, auf Zeit mit Handy auf dem WC, auf Haare föhnen ganz allein, auf Frühstück in Ruhe bei Kerzenschhhhhh ….wein gehabt, wenn man es allein noch schnell aufs Klo schafft, bevor der Mob erwacht! 

Ist dieser dann erstmal zugegen, heißt es nur: jetzt nicht aufregen! Lieber erstmal überlegen, denn die Brut ist überlegen! Sowohl akustisch bringt sie Leben, als auch der Eltern ernstes Streben, sie schnellst möglich abzugeben!
Ist man endlich angezogen, ist der Morgen auch verflogen. Eltern fühlen sich dann oft betrogen, um den Morgen, ungelogen! 

Ach, wo ist sie hin, die Zeit, als wir damals noch zu zweit, morgens früh am Tische saßen, romantisch Toast mit Mus genaßen und uns sehnten so nach diesen, die uns so schnell altern ließen. 

Krieg und Frieden. 

Es war mal ein kleiner Indianerhäuptling mit Namen „Little Asshole“. Er war der Häuptling eines bunt zusammengewürfelten Stammes von Superhelden, Feuerwehrmännern, Wikingern, zwei Drachen und eines Affen und sie lebten für gewöhnlich ein recht spannendes Leben, bestehend aus lebensgefährlichen Rettungsmanövern, Kämpfen gegen Bösewichte und gelegentlicher Verwüstungen rund um das Indianerdorf. Der kleine Häuptling hätte rundum zufrieden sein können, hätte nicht im selben Lande auch die kleine Räuberprinzessin mit dem schönen Namen „Stinkelotti“ gelebt. Und Stinkelotti machte ihm recht oft das Leben schwer. Sie versuchte, die Superhelden des kleinen Häuptlings zu entführen, behinderte Feuerwehr- und Rettungseinsätze, kaperte Wikingerschiffe und versuchte sogar den goldenen Wikingerschatz aufzuessen!

Der kleine Häuptling hatte es nicht leicht, dennoch versuchte er tapfer, seine Grenzen zu sichern und der Räuberprinzessin nur unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen mit seinem Stamm entgegenzutreten. Doch immer wieder kam es vor, dass die Räuberprinzessin Stinkelotti zum Angriff überging und der kleine Häuptling kaum in seine wackeren Kämpfer in Sicherheit bringen konnte, um sich schließlich höchstpersönlich in den Kampf zu begeben. Dieser Zweikampf ging oft mit Tränen und Geschrei einher, Verletzte gab es eher selten, auch wenn die Schmerzensschreie auf beiden Seiten höchst überzeugend wirkten. 

Dies waren schließlich die Momente, in denen der große Häuptling – „Big Mac“ auf der Bildfläche erschien. Big Mac war ein großer Mann auf dem Gebiet des Friedensstiftens und der Völkerfreundschaft zwischen Indianern und Räubern und bemühte sich redlich um einen angemessenen und friedlichen Dialog. Dem Charme des großen Häuptlings konnte sich nicht mal die Räuberprinzessin entziehen. Noch öfter jedoch rief das Kampfgetümmel die Mutter der Räuberprinzessin, „Wuthilde“, auf den Plan. So entspannt der große Häuptling in seinen Friedensverhandlungen war, so aufbrausend war Wuthilde! Bemerkte sie die Kämpfe zwischen Räubern und Indianern, schritt sie – Bewaffnet mit Wischlappen und Wäschekorb – mitten ins Kriegsgetümmel und verlangte laut rufend Einhalt. Da dies meist nicht von Erfolg gekrönt war, ließ sie ihre Insignien fallen und trennte höchstpersönlich die Kampfhähne – beide schreiend und hochrot. Dann packte sie ihre Räubertochter und warf sie in eine Ecke des Sofas, den kleinen Häuptling in die andere. Und während sie nun zufrieden ihre Haushaltswaffen wieder an sich nahm, begann hinter ihrem Rücken bereits der nächste Kampf. Und so ging es über viele Wochen, die kleinen Rivalen kämpften verbissen um Eigentümer, Ländereien, Gefolgsmänner … bis sie eines Tages etwas beobachteten, was sie in ihrem unermüdlichen Kampf innehalten ließ.

Versteckt hinter der Küchentür hörten sie es plötzlich kichern und flüstern und gemeinsam machten sie sich auf, um den seltsamen Geräuschen auf den Grund zu gehen. Was sie dort sahen, erstaunte die beiden Kampfhähne sehr! In einem Winkel – eingeklemmt zwischen Küchentür und Kühlschrank – hatten sich der große Häuptling und die Mutter aller Räuberinnen versteckt, eng umschlungen blickten sie sich zärtlich an und schienen gar nicht zu bemerken, dass sie sich in allergrößter Gefahr befanden!

Der kleine Häuptling und die Räuberprinzessin schauten sich an und in ihren Gesichtern spiegelten sich Entsetzen und vielleicht auch ein bisschen Ekel. Damit hätten sie nicht gerechnet! Waren sie doch Tag für Tag im Krieg miteinander, holten sich Unterstützung durch ihre großen und kampferprobten Eltern … und dann DAS hier! Vor lauter Schreck vergaßen sie völlig, ihren begonnenen Ringkampf zu Ende auszutragen. Der kleine Häuptling rief laut „Iiiiiiih“, woraufhin sie endlich bemerkt und mit einem Lachen begrüßt wurden. Da der kleine Häuptling noch zu jung war für eine Friedenspfeife, erhielt er einen Becher Kakao, die Räuberprinzessin bediente sich derweil – ganz räuberlike eben – an der mütterlichen Milchbar und so saßen sie zu viert, einträchtig beieinander und sprachen über den neuen Frieden. 

Natürlich wurde auch danach noch viel gekämpft, miteinander gerungen und zerstört! Aber oft erinnerten sich die beiden Kontrahenten an diesen erstaunlichen Moment der Liebe zwischen zwei völlig unterschiedlichen Menschen, die auf den ersten Blick doch Gegner sein müssten und es dennoch nicht waren. Und von da an gelang es dem kleinen Häuptling und er Räuberprinzessin hin und wieder, gemeinsam im gleichen Land zu leben, ohne ständig Krieg gegeneinander zu führen. 

Na gut, der letzte Satz war zu schön, um wahr zu sein, aber es handelt sich hier ja auch um ein Märchen!

Und wenn sie nicht gestorben sind … dann streiten sie sich noch heute!

Sprichwörter für Betroffene 

Was du heute kannst dir borgen, kannst du du dir morgen nochmal borgen.

Das Kind geht solange zur Kita, bis es bricht.

Lieber die Windel in der Hand als die Kacke an der Wand.

Erst die Arbeit, dann das Begnügen.

Der Apfel fällt immer auf die Marmeladenseite.

Es isst nur das Gelbe vom Ei.

Alte Windel rostet nicht.

Man soll den Tag nicht vor dem Schlafen loben.

Keine Hand wäscht die andere.

Scherben bringen Dreck.

In der Kürze liegt das Problem.

Alte Besen kehren gut (wenn man sie nicht nutzen tut).

Wer nicht hören will, der lässt es eben bleiben. 

Man soll den Kaffee trinken, solange er heiß ist.

Wer andern eine Grube gräbt, der macht sich schmutzig. 

Übung macht den Meister müde.

Wer zu spät kommt, den bestraft die Erzieherin/ das Kind/ die Ehefrau.

Jeder ist seines Kindes Schmied.

Mütter haben müde Beine.

Wenn zwei sich streiten, schreit der Dritte.

Wer A sagt, muss wahrscheinlich zum Zahnarzt.

Wer zuletzt lacht, heult als Erster.

Schlafen ist Silber, Kaffee ist Gold.

Stille Kinder bauen Mist.

Je später der Abend desto kürzer die Nacht.

Kinder, die bellen, beißen nicht.

Morgenstund hat Schnuller im Mund.

Viele Kinder verzehren den Brei.

Alle guten Kinder sind frei.

Wer schön sein will, muss lachen.

Lalelu … nicht mal der Mann im Mond schaut da noch zu 

Die Mumie … wenn ich kurz vor 22:00 Uhr MESZ aus dem Schlafzimmer stolpere, unfähig, beide Augen geradeaus zu richten und aufrecht zu gehen. Ich fühle mich wie ein zerquetschter Panda, das Gewicht meiner Augenringe gibt der Schwerkraft nach, ich fühle mich, als hätte ich bis eben einen Baumstamm umklammert. Mit dem noch offenen Auge werfe ich kurz einen Blick ins Kinderzimmer. Dort liegen Mann, Sohn und diverse Spielzeuge in allerschönster Tetrismanier ineinander verschachtelt, da passt nix mehr dazwischen. Wie versprochen, versuche ich ihn zu wecken. Das heißt, um überhaupt eine Reaktion zu erhalten, muss ich ihm mindestens einen Finger in die Nase oder ins Ohr stecken, dann zuckt er immerhin zusammen. Er murmelt etwas wie „mmmmmh momm ä leich“ und es gelingt ihm sogar in seiner unmöglichen Liegeposition noch, seinen Rumpf um zweieinhalb Grad nach rechts zu drehen, während der Kinderellenbogen seiner Nase bedrohlich nahe rückt. Ich habe meine Pflicht getan und wanke aufs Sofa. Kann mein Glück gar nicht fassen, wie ich da so alleine sitze, ab jetzt gehört der Abend ganz und gar mir!!!
Mit Müh und Not tippe ich ein paar zusammenhangslose Zeilen in mein Handy, um der Freundin mitzuteilen, dass die Kinder jetzt auch schlafen. Und dass meine Müdigkeit heute von einem anderen Stern kommt. So weit gereist, dass selbst die Müdigkeit müde ist und vor lauter Erschöpfung nicke ich ein paar Minuten lang ein, um dann hochzuschrecken, weil a) die Kleine im Schlafzimmer bereits meine Abwesenheit registriert hat und laut heult oder b) mein ausgeleiertes Hirn irgendwo am Abzweig „Frühstücksorganisation“ ein Notlämpchen aufblinken ließ. Selbiges löst nun den Impuls aus, mit halb geschlossenen Augen in die Küche zu wanken und angesichts des Chaos schlagartig wieder zu Bewusstsein zu gelangen!Zehn Minuten später ist der Geschirrspüler aus- und wieder eingeräumt, die dreckigen Pfannen wurden platzsparend ineinander gestapelt, der Frühstückstisch fast gedeckt, der Kaffee bereits in den Kocher eingefüllt und die gewünschte Tasse direkt daneben deponiert, damit es morgen dann schnell geht. Hoffentlich. Im Bad gibt’s den dritten Tag in Folge Katzenwäsche – sofern ich überhaupt noch Lust dazu habe – Notwendigkeit interessiert mich nicht, Hauptsache, die Zähne sind geputzt!

Auf dem Weg zum Schlafzimmer schwenke ich nochmal rechts ins Kinderzimmer ab, um dem Mann im Ohr zu stochern und hineinzuzischen, dass ich nun ins Bett gehe. Er blinzelt mich an, als habe er mich noch nie zuvor gesehen, entgegnet „mmmhkay komme“ und schließt erneut die Augen. Das heißt so viel wie „Gute Nacht, Schatz„. Ich verziehe mich ins Bett und drapiere mich gekonnt unauffällig um die Kleine drumherum. Augen zu…

Im Zimmer nebenan regt sich was. Der Mann erhebt sich laut knarrend aus dem zu kleinen Bett und tapst ins Wohnzimmer, um noch schnell schnell die Weltpolitik der letzten Stunden aufzusaugen, in der Küche eine Schüssel Müsli zu verschlingen, dann ins Bad. Große Wäsche mit Rasur, Gesichts- und Bartpflege und ausgiebiger Zahnreinigung. Dann betritt er das Schlafzimmer. Schrank auf – Licht an. Ich reiße instinktiv die Bettdecke hoch, um eine Lichtreizung am Kind zu verhindern! Die Kleine schnauft. Rums, er zieht die Schublade auf, um sich eine angemessene Schlafbuxe zu suchen. Ich verfluche ihn und den Schrank samt Beleuchtung und überhaupt. Schrank zu, Licht aus, er tastet sich ins Bett. Beugt sich über die Kleine, um sie zu küssen, was ich mit einem bösartigen Zischen versuche zu unterbinden „Fssdienchtandiewrdsnstwch!!!!!!“ Ich drehe ihm den Rücken zu und versuche einzuschlafen. Aber er ist jetzt wach. Und möchte sich laut flüsternd mit mir unterhalten. Wie süß unsere Kinder sind (die wir noch vor einer Stunde am liebsten an einer Autobahnraststätte ausgesetzt hätten), wie mein Tag denn so war (dafür gab es vorher keine Gelegenheit), Idioten, mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden, Politik, Politik, Finanzpolitik, Steuerpolitik, Familienpolitik, die Arbeit … Irgendwann „schläfst du schon?“ – „Natürlich nicht! Ich höre dir zu!“ – „Du bist ganz schön fertig, was?“ – „Mmmmh“ – „Dann schlaf schön.“ Gibt mir einen Kuss, trifft im Dunkeln mein Kinn. 

Er dreht sich um und ist sofort eingeschlafen. Und das ist der Moment, in dem ich dann auch wieder wach bin. Todesmüde und wach zugleich. Freundlicherweise regt sich nun die Kleine neben mir und fängt an zu jammern. Nebenan mault der Große im Halbschlaf nach „Takaoooo“ und kommt laut schnaufend in unser Bett getapst, schmeißt sich zwischen uns und ruft solange nach Kakao, bis der Mann losschlurft in die Küche. Ich döse. Irgendwann höre ich die Katze unruhig umherlaufen. Dann miaut sie. Immer lauter, bekommt Schnappatmung und erbricht sich geräuschvoll. Ich habe nun Zeit, mir zu überlegen, ob ich jetzt aufstehen soll oder morgen früh abwarte, bis der Mann schlafestrunken in die Katzenkotze tritt. Darüber schlafe ich dann ein. Gute Nacht!

Wutstrudel

Ich bin ein Süßmaul! Ich mag Gebäck jeglicher Art, aber heute ist mir nach Strudel. Apfelstrudel mit Vanilleeis zum Beispiel oder Quarkstrudel mit Rosinen. Das würde mir gefallen! 

Ich bekomme momentan oft Strudel. Aber nicht den Süßen. Bei uns gibt’s Wutstrudel. Und der hat so gar nichts mit Gebäck zu tun, keine fruchtige Füllung, kein Eis, von Sahne ganz zu schweigen. Der Teig ist auch nicht leicht, er bröselt nicht, nichts, was auf der Zunge zergehen würde – ganz im Gegenteil. Mein Wutstrudel ist ein verdammt harter Brocken!

Und dieser kleine Brocken wiegt etwa zwölf Kilo, hat blonde Haare und seine Füllung besteht nicht aus Früchten sondern aus ungefilterten Emotionen. Eben wurde mir eine große Portion Wutstrudel serviert!

Es ist Schlafenszeit, aber außer uns Eltern interessiert das hier irgendwie keinen. Dennoch tun wir tagtäglich so, als wäre es ganz selbstverständlich, am Abend ins Bett zu gehen, mit viel Brimborium, Kissenschlacht, tausendfacher Wiederholung ein und des selben Liedes, Geschichten … aber irgendwie funktioniert das alles nicht und jeden Abend gibt es etwas Neues, das ein friedliches Einschlafen nahezu unmöglich macht. Heute war es die Katze, die sich im Schlafzimmer abgelegt hatte, als ich die Kleine zu Bett bringen wollte. Sie war begeistert, dass da ihre pelzige Freundin lag, nur zeigte sie ihre Begeisterung zu laut und die Katze ergriff die Flucht. Nachdem diese einige Minuten lang die Türklinke hypnotisiert hatte, öffnete sie sich dann auch und sie entschwand, während ich das enttäuschte Kind zu trösten versuchte „Pepsi muss ganz dringend mal Aa machen …“ Fehlanzeige. 

Dann beging ich den Fehler, die Kleine auf den Grund unseres Aufenthalts im Schlafzimmer hinzuweisen …
Und da schrie sie. Und wenn sie schreit, dann ist es nicht so ein lautes Weinen, nein es ist ein ohrenbetäubendes Kreischen. Beruhigen zwecklos. Nach kurzer Zeit ging die Tür auf und der Mann stand da. Mit tiefer Stimme, die dem Weihnachtsmann alle Ehre gemacht hätte, fragte er, wer denn da so schreie, der Bruder könne ja nicht einschlafen (ich erwähne nicht, dass er auch in einem leeren Raum ohne jegliches Geräusch nicht einschlafen könnte). Ich giftete ihn an, dass das jetzt so gar nicht hilfreich wäre. Der Weihnachtsmann verschwand und es folgte eine ziemlich lange Stille. Ich lag da und stellte mich tot, während ich mich innerlich bereits auf das Schlimmste gefasst machte. Keine Minute später setzte das Geschrei erneut ein. Die Weihnachtsmannnummer zieht eben auch nur kurz. Irgendwann wusste ich in meiner Verzweiflung weder ein noch aus und wurde ebenfalls kurz mal laut. Dies bekam das Kind aber gar nicht mit vor lauter Geschrei. Der Mann kam wieder dazu und schimpfte, dass ich ja auch nicht besser sei, woraufhin ich meine Krallen ausfuhr und mich dann mit der Kleinen wieder ins Schlafzimmer verzog. Der Große quakte nebenan und fing sich ebenfalls noch einen Anpfiff ein, woraufhin er anfing zu heulen.

Und nun ist er so richtig schön frisch und warm und knusprig, dieser Wutstrudel. Er strudelt und strudelt und reißt knallhart alles mit, was im Wege ist und man hat keine Chance, zwischendurch auszusteigen. Und all die erhitzten Gemüter wärmen ihn so richtig auf und machen ihn zu dem, was er ist: einer Delikatesse!

Und während meine lädierte kleine Seele jammert, dass sie nun ganz ganz ganz dringend ein großes Stück warmen Apfelstrudel mit Eis und viel Sahne bräuchte, um keinen langfristigen Schaden zu nehmen, säuselt mein Verstand mir arglistig ins Ohr, dass dieser emotionale Entwicklungswahnsinn immer für irgendetwas gut sei und während all dem Geschrei wieder irgendwelche neuen Verknüpfungen im Hirn der Tochter entstanden sind. Toll! Ich habe eher das Gefühl, dass MIR während dieser zehnminütigen Totaleskalation mindestens zehn Gehirnzellen einfach weggestorben sind. Die hatten einfach keinen Bock mehr. Ich auch nicht. Aber mich fragt ja keiner. Ich geh jetzt mal gucken, was der Kühlschrank mir so anbietet – Strudel haben wir nämlich keinen. Bis auf ein Stück Wutstrudel vielleicht …

Der Schneemann ist umgekippt!

Wisst ihr, wo ich gerade sitze? In einem Café. Vor mir ein halb aufgegessenes Frühstück, Cappuccino und Saft. Neben mir ein Buch und eine ziemlich große Einkaufstüte. Meine Haare duften noch nach Friseur. Und wieso halte ich schon wieder das Handy in der Hand und schreibe??? Weil ich das Schreiben vermisse. Aber vielleicht fange ich von vorn an.

Heute Morgen schaute unser Sohn aus dem Fenster und rief: „Mamaaaa, Papaaaa! Der Neemann is ummekippt!“ Ganze zwei Wochen stand er da vorm Kinderzimmerfenster, manchmal musste die Möhre neu befestigt werden, ab und an ein Auge ersetzt. Aber er stand. Mit Mütze und Schal und guckte zum Kinderzimmerfenster und jeden Morgen auf dem Weg zum Auto freuten wir uns darüber, dass er da so tapfer steht, bei Schnee und Eis, Sonne und Wind, am Tag und in der Nacht wie ein tapferer kleiner Soldat, der seinen Posten niemals verlässt, weil es nun mal seine Aufgabe ist, da zu stehen. Heut Morgen lag er plötzlich auf dem Rücken, der kleine Kerl. Die letzten sonnigen Tage und der Sturm der vergangenen Nacht haben ihm wohl seine Substanz genommen. Ich habe ihn vorsichtig aufgerichtet und gegen seinen ehemaligen Rumpf gelehnt, so klein schaut er nun wieder zum Kinderzimmerfenster auf. 

Ich fühle mich zur Zeit ein bisschen wie er. Immer auf dem Posten, immer darum bemüht, meine Sache sowohl als Mutter als auch in der Arbeit gut zu machen. Beides tue ich mit Leib und Seele. Tag und Nacht erledige ich diese beiden „Jobs“ nach bestem Wissen und Gewissen, versuche ständig, es noch etwas besser zu machen und dabei immer noch ich selbst zu bleiben. Doch wie beim Schneemann fing auch meine Substanz an, dahinzuschmelzen. Zunächst ganz unbemerkt. Nach außen hin lebendig, lustig, schlagfertig und ideenreich, nach Feierabend abgeschlagen, hungrig, müde, aggressiv … 

Und das ging erstaunlich lange gut. So lange, dass ich mir selbst einreden konnte, es sei normal und es würde vorbeigehen. Und das ist es auch und es geht vorbei. Aber nicht heute und nicht morgen und wahrscheinlich auch nicht im nächsten Monat. Und nun ist es an mir, die Notbremse (Danke für das Bild, liebe Luise!) zu ziehen und zu verhindern, dass es bald, sehr bald vielleicht, dazu kommt, dass ich gänzlich weggeschmolzen bin. 

Wie ich das verhindere? Tja, ich bin gerade dabei, das herauszufinden. Und ich stehe noch am Anfang. Ihr Eltern kennt das: meist sind es unsere Erwartungen, die uns das Leben unnötig schwer machen. Mir jedenfalls geht es so und ich beginne nun damit, meine Erwartungen – sowohl an mich als auch an die Kinder runterzuschrauben. Alles andere tut uns nicht gut. Ich lerne gerade, dass eine aufgeräumte Wohnung und leere Wäschekörbe und eine picobello geputzte Küche meine Kinder nicht glücklicher machen, mich auch nicht, denn je mehr Ordnung und Sauberkeit hier herrschen, umso größer ist die Angst vor erneuter Verunreinigung! Und die Zeit dafür fehlt mir sowieso. 

Erschwerend kommen nun meine Erwartungen hinzu! Die Kinder sollen es schön haben, Mama soll entspannt, lustig, motiviert sein, nicht erschöpft und genervt. Zudem immer diese Gewissensbisse, dass ich die beiden täglich neun Stunden lang betreuen lasse, weil ich wirklich wirklich gern meine Arbeit mache, die zwar auch manchmal stressig ist, aber die so gut zu mir passt, dass ich sie weder aufgeben noch reduzieren möchte. Also kann ich die Kinder nachmittags oder gar am Wochenende auf gar keinen Fall abgeben! Und da haben wir auch schon einen hübschen kleinen Teufelskreis aus Dingen, die ich brauche, um ich selbst zu sein und Erwartungen, die ich brauche, um zu rechtfertigen, dass ich ich selbst sein darf. Dies ist eine zerstörerische Kombination! Ich selbst sein heißt hier, zwei Dinge, die ich über alles liebe, miteinander zu vereinbaren. Ich war mal der Meinung, das ginge. Es geht nicht. Nicht ohne Verluste. Ich muss mir überlegen, was ich bereit bin, zu opfern, wenn ich beides weiterhin haben möchte. 

Zu wenig Schlaf, zu wenig Erholung, keine ruhigen Mahlzeiten, keine entspannten Gespräche mit dem Mann. Alles nur so nebenbei und nicht mit voller Konzentration. Ständig kommen mir die Tränen oder ich werde zu schnell wütend und hinterher noch viel mehr, weil ich nun auch noch auf mich selbst wütend bin. Meine Haut und meine Rückenschmerzen zeigen mir, wo ich mich seelisch gerade befinde. Im freien Fall. 

So ein freier Vormittag mit Friseurbesuch, ein bisschen Shopping und langem Frühstück dienen nicht wirklich der Energieversorgung. Meine Freundin Juli schrieb, ich solle nicht erwarten, dass ich danach erholt bin, dass alles wieder im Lot ist. Ich soll einfach nur Spaß haben, nicht nach dem Sinn suchen. Es soll Bock machen. Und das ist es, was mir dabei hilft, meine Substanz wieder zu festigen. Ein bisschen Zeit mit mir selbst. Früher wäre ich niemals alleine shoppen gegangen, alleine irgendwo Kaffeetrinken, wie sähe das denn aus??? Heute im Café saßen so einige Menschen alleine am Tisch, mit Zeitung, Laptop, Buch … einfach so für sich. Und mittendrin auch ich. Und ich muss wohl noch lernen, das auch zu genießen. Ich muss lernen, dass ich auch dann noch eine gute Mutter bin, wenn ich meine Kinder meinem überarbeiteten Mann anvertraue oder den vielbeschäftigten Großeltern. Dass die Kinder mir das nicht übel nehmen. Und auch sonst niemand. Dass ich das brauche, um nicht mein Fundament zu verlieren und wie der Schneemann umzukippen. 

Der Schneemann hatte zwei Wochen lang die Aufgabe, uns täglich zu erfreuen. Jetzt darf er auch gehen. Seinen Posten verlassen und sich ausruhen, bis wir ihn – vielleicht in ein paar Wochen, vielleicht aber auch erst im nächsten Winter – wieder aufbauen und begrüßen werden. Und genauso will ich es auch versuchen, um zu verhindern, dass meine Substanz dahinschmilzt: ich sollte mir Ruhe oder zumindest Auszeiten nehmen, nicht immerzu nur vermeintliche Pflichten erfüllen und dabei meinen eigenen Anforderungen nicht mehr gerecht werden. Denn ich komme wieder! Mit etwas mehr Kraft, etwas mehr Geduld, neuem Mut! 

Heute hatte ich endlich wieder Zeit, um ungestört zu schreiben. Und dann bin ich heimgekommen und wurde von drei gut gelaunten Lieblingen empfangen. Ich habe immer noch keine Lust, eine Bude zu bauen oder Hoppe hoppe Reiter zu spielen, die Wäsche liegt noch im Korb und ich habe mir eine Kopfschmerztablette eingeworfen und bin weiterhin müde. Aber meine Haare duften ganz wunderbar, ich bin satt, habe eine neue Tasche und ein paar Kleinigkeiten mehr im Sortiment und bin irgendwie ziemlich gut gelaunt 🙂